Französische und italienische Literaturwissenschaft, italienische Kulturwissenschaft

1. Warum möchten Sie mit Schülern reden?
Weil ihre Fragen wichtig sind, vielleicht die wichtigsten überhaupt. Fragen von jungen Menschen haben die größte Dringlichkeit und sie weisen in alle möglichen Richtungen (das sage ich deshalb, weil ich auch einmal jung war und ein ziemlich gutes Gedächtnis habe). Ich beschäftige mich mit Literatur, da geht es eigentlich auch immer genau darum: um drängende Fragen, die in alle möglichen Richtungen weisen, nicht um fertige Antworten. Ich glaube, man kommt nur ins Gespräch, wenn man gar nicht weiß, wohin einen dieses Gespräch führt und sich von Frage zu Frage gemeinsam vorantastet.
2. Warum sind Sie Wissenschaftler geworden?
Ich habe schon als Kind gerne gelesen und mich in andere Welten „weggeträumt“. Später – als ich ungefähr zwanzig Jahre alt war – habe ich angefangen, darüber zu staunen, wie viele Bücher die Menschen seit ungefähr 3.000 Jahren geschrieben haben, in anderen Sprachen, in anderen Zeiten, in anderen Gesellschaften. Das war mir bis dahin gar nicht klar gewesen! Aus diesem Staunen bin ich bis heute nicht herausgekommen. Wissenschaft – in meinem Fall: Literaturwissenschaft – ist für mich eine Möglichkeit, ein bisschen Ordnung in dieses Staunen zu bringen, gute und interessante Fragen zu stellen und wenigstens kleine Ausschnitte dieser anderen, manchmal sehr fernen und manchmal sehr nahen Welten zu verstehen, von der all die Bücher erzählen.
3. Wofür brauchen wir Wissenschaft?
Um uns selbst und das heißt auch immer um die anderen besser zu verstehen. Um in Würde und Respekt zusammenleben zu können. Um die wichtigen, dringlichen Fragen zu stellen, um Antworten kritisch zu überprüfen und überhaupt: um die richtigen Worte zu finden.
4. Wofür interessieren Sie sich außer für Wissenschaft?
Ich interessiere mich für bildende Kunst, vor allem Malerei und Grafik. Von Zeit zu Zeit gehe ich ins Kunstmuseum der Moritzburg; manche Bilder sind für mich wie alte Bekannte, andere lerne ich jedes Mal ganz neu kennen. Früher habe ich selber viel gemalt und gezeichnet; leider finde ich heutzutage zwischen Beruf und Familie kaum Zeit dazu. Ich bin auch ehrlich gesagt nicht sonderlich begabt. Gelegentlich gelingt mir zufällig ein halbwegs gutes Bild, das wird dann irgendwo in der Wohnung an die Wand gehängt zwischen Bildern von besseren Malerinnen oder Zeichnerinnen (z. B. meiner ältesten Tochter).
5. Wenn Sie Bundeskanzler wären, was würden Sie tun?
Spontan fällt mir bei dieser Frage immer Rio Reisers „König von Deutschland“ ein… Aber ich will versuchen, sie halbwegs ernst zu beantworten: Ich würde mich darum bemühen, eine andere Fehler- und Verbesserungskultur zu entwickeln, auch auf mich bezogen, denn es kann ja durchaus sein, dass man auf dem Holzweg ist und Entscheidungen revidieren muss. Außerdem würde ich sehr entschieden Politik für Kinder, Familien und junge Menschen machen, selbst wenn diese Gruppen wahltechnisch vielleicht nicht so interessant sind. Wichtig: Ich würde endlich ein Tempolimit auf den Autobahnen einführen, darauf warte ich schon seit bald vierzig Jahren. Und ich würde jeder Form von Autoritarismus, Menschenfeindlichkeit, Untergrabung geltenden Rechts usw. in Deutschland und in der Welt entschieden entgegentreten.
6. Welchen Rat würden Sie Schülern für die Berufswahl geben?
Ich würde den Rat geben, nicht zu sehr auf Ratschläge anderer, sondern auf die eigene Intuition zu hören. Man sollte sich für etwas entscheiden, was einen wirklich interessiert – mit einem Vorbehalt (das ist mein zweiter Ratschlag): Ein Beruf ohne Herausforderungen ist langweilig, manchmal sollte man sich richtig anstrengen müssen, ohne das Ergebnis vorab zu kennen. Keine Arbeit ist schöner als die, bei der man sich zuerst Mühe gegeben und sich dann selbst überrascht hat. Deshalb sollte man auch nicht vorschnell das eigene Denken irgendwelchen KI-Modellen überlassen, denn die machen es sich selbst und uns viel zu leicht.
